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Mittwoch, 8. Februar 2017

Von Frühstücksdirektoren und trojanischen Pferden



Beitrag
Dr. Stefan Birk, Auditor der berufundfamilie Service GmbH

Schock für viele Führungskräfte: Es ist Mittwoch später Vormittag und keiner der Untergebenen ist da. Zum Führen fehlen die Mitarbeiter und an Meetings ist auch nicht zu denken. Es kommt zum Äußersten: Die Führungskraft muss inhaltlich arbeiten! Ein Szenario, das hartgesottene Manager schon nervös machen kann.


Gesprächsbedarf und keiner mehr da? 
Flexibilisierung weicht Präsenzpflicht auf
(©berufundfamilie Service GmbH, Marcel Coker)
Kürzlich beschwerte sich der Abteilungsleiter einer großen Stiftung, dass seine Mitarbeiter nie persönlich anwesend sind (wenn er zufällig mal da ist und sie im Office sucht)? Da ist er nun nach vielen harten Jahren auf der Arbeitsebene die Karriereleiter heraufgefallen und könnte endlich mal Leute managen. Und jetzt ist keiner mehr da!

Die Antwort des Managers auf die Frage nach dem Grund für die gähnende Leere war ebenso verblüffend wie einleuchtend: Man sei (gerade als politische Stiftung) eben sehr weit gekommen mit dem Familienbewusstsein. Und das merke man eben jetzt, da eine Vielzahl von Mitarbeitern/innen die Möglichkeiten der Flexibilisierung nutze. Und nein, ehrlicherweise könne man nicht sagen, dass dadurch die Ergebnisse der Mitarbeiter schlechter würden. Es sei eben nur schwerer für ihn selbst geworden.

Arbeit der Zukunft durch die Hintertür

Da stecken jetzt zwei interessante Themen drin. Einerseits haben Unternehmen, die sich auf das Thema Familienbewusstsein einlassen (und sich möglicherweise sogar offiziell zertifizieren lassen), einen großen Schritt in Richtung #newwork oder Arbeit der Zukunft gemacht. Und das ohne es explizit auf der Agenda zu haben. Man könnte also davon sprechen, dass diese Unternehmen mit den familienbewussten Maßnahmen ein „Trojanisches Pferd“ in ihre Organisationen hineingeschoben haben, aus dem dann in der Folge eine Idee zur Flexibilisierung nach der anderen heraussteigt. Das führt nicht selten zu einer starken Aufweichung der Präsenzpflicht, zu modernen Arbeitszeitregelungen und einer Reihe anderer Formen der Flexibilisierung.

Aber nicht nur die sichtbaren Veränderungen sind relevant, es tut sich auch etwas unter der Oberfläche der Organisationen. Es ändert sich nämlich dadurch auch die Arbeitskultur. Ist es erst einmal anerkannt, dass man zugunsten der Familie Auszeiten nehmen oder seine/ihre Arbeitszeit anpassen kann und erleben gleichzeitig alle, dass das nicht unmittelbar zum Untergang der Organisation führt, dann ist man in einem neuen „Arbeits-Paradigma“ angekommen.

Statussymbole sind gefährdet

Das zweite interessante Thema hat damit zu tun, dass es für das Management schwerer geworden ist. So mancher Abteilungsleiter wird sich heute wohl oft wie ein „Frühstücksdirektor“ fühlen. Die älteren unter uns wissen was gemeint ist: In jedem Unternehmen gab es früher Leute, die zwar hierarchisch relativ weit oben angekommen waren, aber aus irgendeinem Grund in Ungnade gefallen waren. Untrügliches Kennzeichen: sie hatten keine ihnen disziplinarisch unterstellten Mitarbeiter mehr. Der Grad der Relevanz war (und ist es heute noch vielfach) ablesbar an der Anzahl der Mitarbeiter über deren Zeit und Aufgaben man bestimmen kann (und denen man Urlaubsgenehmigungen unterschreiben muss, wenn sie nicht im Büro sein wollen). Wer jemals einem Frühstücksdirektor begegnet ist, versteht, dass man vor den Kollegen nicht als solcher dastehen möchte. Wenn sich mit den organisatorischen Maßnahmen die Kultur nicht weiterentwickelt, sieht man also aus wie ein Verlierer.

Fazit: Gesamtheitliche Sicht ist nötig!

In Unternehmen, die durch familienbewusste Maßnahmen die Arbeitsformen weiterentwickeln, muss sich nicht automatisch die Führungskultur mitentwickeln. Tut sie das nicht, kommt es zwangsläufig zu Spannungen. Und diese bergen durchaus die Gefahr, dass sich die Leistungen der Organisation verschlechtern. Es ist also unumgänglich in Unternehmen auch an Führungskultur, -struktur und -prozessen zu arbeiten. Man muss also eine gesamtheitliche Sichtweise einnehmen. Und das ist sicherlich weitaus schwieriger als einzelne, isolierte Maßnahmen zum Familienbewusstsein auf den Weg zu bringen.




(©privat)

Dr. Stefan Birk ist Experte für die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Privatleben und als Auditor für die berufundfamilie Service GmbH in Mecklenburg-Vorpommern aktiv. Er beschäftigt sich auch wissenschaftlich mit der „Arbeit der Zukunft“ im Rahmen seiner Tätigkeit als Vorstand des ifaz – Institut für Arbeitsdesign und Zukunftstechnologien e.V.. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.













Freitag, 2. Dezember 2016

Vereinbarkeit in Zahlen – Heute: A wie „Arbeitsstunden“, Z wie „Zeitreduktion“



Arbeitswelt und Vereinbarkeit: aktuelle Stichwörter und Zahlen
 (©berufundfamilie Service GmbH)

 

 

Arbeitsstunden


41,6 Stunden pro Woche arbeiteten Männer im Jahr 2015 in Deutschland durchschnittlich. Frauen kamen auf 32,6 Stunden.

Etwa 10 % länger arbeiten Männer dabei als vertraglich geregelt. Bei Frauen lag die Mehrarbeit bei 8 %.

Bundesregierung, Regierungsbericht Lebensqualität „Gut leben in Deutschland“, November 2016
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/11/2016-11-14-gut-leben-3-familie-beruf.html
https://www.gut-leben-in-deutschland.de/static/LB/index.html




Familienpflichten


„Wichtig ist – und das glaube ich hilft bei der Findung solcher innovativer Lösungen (für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie) –, dass nicht nur die Mütter im Zentrum stehen, sondern das auch inzwischen durch die Elternzeit zum Beispiel, die auch von Vätern genommen werden kann, bekannt ist, dass auch Väter Familienpflichten haben. Und da glaube ich gehen die Beitriebe heute sehr viel offener heran und nach dem Motto wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, finden viele Unternehmen Lösungen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Vorstellung des Berichts zum Bürgerdialog „Gut leben in Deutschland – was uns wichtig ist“, 26. Oktober 2016
http://www.deutschlandfunk.de/bericht-der-bundesregierung-wie-die-deutschen-leben-wollen.1773.de.html?dram:article_id=369577




Kinderbetreuung


43,9 % der Drei- bis Sechsjährigen erhielten 2015 eine ganztägige Betreuung. Das sind mehr als 20 % gegenüber 2006. Bei den Unter-Dreijährigen nahm die Betreuungsquote um 6,5 auf 18,1 % zu.

Bundesregierung, Regierungsbericht Lebensqualität „Gut leben in Deutschland“, November 2016
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/11/2016-11-14-gut-leben-3-familie-beruf.html
https://www.gut-leben-in-deutschland.de/static/LB/index.html




Lohneinbußen


Mit jedem Monat, den Männer in Teilzeit statt in Vollzeit arbeiten, verringert sich ihr Stundenlohn um durchschnittlich 0,2 %.

WZB, Die Vereinbarkeitsfrage für Männer: Welche Auswirkungen haben Elternzeiten und Teilzeitarbeit auf die Stundenlöhne von Vätern?, November 2016
https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/vaeter-haben-durch-elternzeit-keine-lohneinbussen

https://idw-online.de/de/news664079




Zeitreduktion


Hochqualifizierte und Männer haben häufig Probleme, wenn sie ihre Arbeitszeit reduzieren möchten. Als Gründe werden vor allem mangelndes Verständnis von Vorgesetzten und Kollegen, eine rigide Arbeitsorganisation und Personalnot genannt.

Bei den Frauen sind es vor allem Ärztinnen, Polizistinnen und Ingenieurinnen, berichten über Probleme, eine Arbeitszeitreduktion durchzusetzen.

WSI (Hans-Böckler-Stiftung), Arbeitszeitoptionen im Lebensverlauf, August 2016
http://www.boeckler.de/16034_45334.htm